Wie und wo arbeiten unsere Abgeordneten eigentlich? Unter diesem Motto kamen am 31. März 2009 die Mitglieder der SPD Friedrichshain-Kreuzberg zu einem spannenden Nachmittag ins Abgeordnetenhaus. Nach einer Führung durch das Gebäude des Bundesrates diskutierten wir im Abgeordnetenhaus über „Sinn und Unsinn von Volksbegehren“.
Der Gang durch den Bundesrat begann mit einer kleinen Einführung in die bewegte Geschichte des Gebäudes. Vor über 100 Jahren, 1904, war der Bau des Hauses an der Leipziger Straße beendet. Der Architekt Friedrich Schulze-Kolbitz hatte damit den Sitz des Preußischen Herrenhauses entworfen. Im Zweiten Weltkrieg wurden Teile des Gebäudes zerstört. „In der DDR wurden nur die Flügel des Hauses genutzt, der Rest wurde einfach zugemauert. 40 Jahre lang hat diese Räume kein Mensch betreten.“, erzählt die Besucherführerin des Bundesrates. Um sich das besser vorstellen zu können geht es im Flur des Gebäudes weiter. An der Wand hängen Fotos eines Hamburger Fotographiestudenten, der Bilder von den Räumen direkt nach der Öffnung aufnahm. Es ist kaum zu glauben, dass diese ruinenartigen Hallen so verwandelt wurden. Durch den Flur geht es weiter in die Wandelhalle. Von der Decke hängen lange, eigenartige Stäbe, die Besucherführerin erklärt: „ Die Stäbe bewegen sich, wenn es im Raum Bewegung gibt. Das soll den Politikern, die vor der Sitzung durch die Wandelhalle gehen, zeigen: Politik muss sich bewegen, damit sich auch die Gesellschaft bewegt. Die Politik darf nicht still stehen.“ Ein Blick auf den Boden der Wandelhalle wirkt wie ein Blick in die Unendlichkeit, denn dort ist ein Spiegel eingebaut, an der Decke ein weiterer, sodass sich die Spiegel gegenseitig spiegeln: „Auch das hat eine Bedeutung“, erzählt die Besucherführerin. „Die Unendlichkeit der Geschichte wird hier symbolisiert.“ Nun geht es in den Saal, um den sich alles dreht, in den Plenarsaal. Wir nehmen auf den Sitzen der Bundesratsmitglieder Platz und hören einen Vortrag über Stimmverteilung, Vorsitz und Alltagsgeschehen in den Sitzungen. Auf Nachfrage fasst die Mitarbeiterin die spektakuläre Sitzung im Jahr 2004 zusammen, in der es um die Verabschiedung des Zuwanderungsgesetzes ging.
Schon ist die Führung und damit der erste Teil des Besuches vorbei. Weiter geht es im Abgeordnetenhaus mit der Diskussion mit unserem Gastgeber Stefan Zackenfels: „Sinn und Unsinn von Volksbegehren und Volksentscheiden“. Schließlich hat Berlin die volksentscheidsfreundlichsten Gesetze im Bundesgebiet. Und die Berliner machen davon Gebrauch. Aktuellstes Beispiel ist der Volksentscheid zu ProReli am 24. April 2009.
Aber auch in der Vergangenheit haben die Berliner die Direktheit ihrer Demokratie genutzt: Kitas und Kinderbetreuung, der Flughafen Tempelhof, die Bebauung des Spreeufers, das Rauchverbot in Gaststätten – Initiativen zu Volksentscheiden gab es auf den unterschiedlichsten Gebieten. Das ist nicht immer bequem, „aber dafür haben wir uns entschieden“, meint Stefan Zackenfels. Seit 2006 ist es in Berlin leichter, eine Volksabstimmung zu erreichen. Zum Einen müssen für die Abstimmung nur noch 20.000 Unterschriften gesammelt werden, vorher waren es 60.000. Zum Anderen mussten die Listen früher in bestimmten Stellen, zum Beispiel im Bürgerbüro ausgelegt werden, heute gibt es Sammellisten, überall kann darauf unterschrieben werden. Stefan Zackenfels merkt an: „ Das machte es für ProReli natürlich deutlich einfacher, die Unterschriften zu sammeln. Die Liste wurde einfach in der Kirche neben der Sammelbüchse ausgelegt.“
In der Diskussion geht es auch um die kritischen Punkte beim Volksentscheid. So gibt es zum Bespiel Streit um die Frage, wie genau die Identität des Unterschreibenden erkennbar sein muss. Darf die Adresse nachgetragen werden? Genügt der Name auf der Unterschriftenliste? Oder nur die Unterschrift? Praktische Fälle, die geklärt werden müssen. Auch die Frage, wo überall geworben werden darf, ist umstritten: Dürfen Schüler in der Schule Flyer für ihre Eltern bekommen? Darf in den Baulichkeiten der BVG, als landeseigenem Unternehmen, geworben werden?
All die Fragen zeigen: Berlin steht noch mitten in einer Entwicklung, hin zu mehr Demokratie.
Nach einem Abschiedsfoto auf dem roten Teppich lassen die Teilnehmer gemeinsam mit ihrem Gastgeber Stefan Zackenfels ausklingen. Bei Getränken und Bretzeln bleibt Zeit, auf den Nachmittag zurückzublicken, in dem die Demokratie den Teilnehmern ein Stückchen näher kam.